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Kaum ein Alltagsgegenstand ist so schnell erkennbar wie der Schnuller. Ein paar Striche genügen, und jeder weiß: Baby. Kein Wunder, dass Zeichner, Filmemacher und ganze Jugendkulturen ihn für sich entdeckt haben. Eine kleine Kulturgeschichte des Nuckelns – mit Belegen statt Legenden.
Maggie Simpson: das berühmteste Nuckelgeräusch der Welt
Wenn ein Schnuller einen Oscar verdient hätte, dann der von Maggie Simpson. Das jüngste Simpsons-Kind tauchte erstmals am 19. April 1987 in einem Kurzfilm der „Tracey Ullman Show“ auf und ist seitdem fast immer nuckelnd zu sehen. Ihr typisches Sauggeräusch haben Simpsons-Erfinder Matt Groening und Gábor Csupó aufgenommen; die Serie verwendete Groenings Originalaufnahme laut Wikipedia noch mindestens bis 1998. In frühen Folgen lief das Nuckeln manchmal sogar unter den Dialogen – bis die Produzenten merkten, dass es ablenkt.
Ein Highlight für Schnuller-Fans ist die Folge „A Streetcar Named Marge“ (erstmals ausgestrahlt am 1. Oktober 1992): Maggie landet in einer strengen Kita, in der die Leiterin den Kindern die Schnuller abnimmt. Maggie holt sie mit den anderen Babys zurück und verteilt sie wieder an ihre Besitzer. Die Szene ist eine Parodie auf den Kriegsfilmklassiker „Gesprengte Ketten“ („The Great Escape“, 1963) – inklusive Strafbox und Ball, den Maggie wie Steve McQueen gegen die Wand wirft. Am Ende sitzen die nuckelnden Babys auf dem Gebäude und starren die Familie an, eine Anspielung auf Hitchcocks „Die Vögel“.
Für Simpsons-Nerds: Maggies erstes Wort „Daddy“ in der Folge „Lisa’s First Word“ sprach Hollywood-Legende Elizabeth Taylor ein.
Der Babynator: Vin Diesel und das Wortspiel
2005 kam der Familienfilm „Der Babynator“ in die Kinos, Regie führte Adam Shankman. Vin Diesel spielt darin einen Elitesoldaten, der die Kinder eines getöteten Wissenschaftlers beschützen soll und dabei vom Drill zum Windelwechseln wechseln muss. Der Originaltitel ist ein schönes Wortspiel: „The Pacifier“ bedeutet im amerikanischen Englisch sowohl „Schnuller“ als auch „Friedensstifter“. Der deutsche Titel klingt dagegen nach einer Mischung aus Baby und „Terminator“ – auch nicht schlecht.
Rave und Loveparade: der Schnuller als Szene-Accessoire
In den 1990ern wanderte der Schnuller aus dem Kinderzimmer auf die Tanzfläche. In der Rave-Szene wurde er zum Erkennungszeichen – allerdings mit einem ernsten Hintergrund:
- Ein Bericht des US-amerikanischen National Drug Intelligence Center von 2001 beschreibt, dass viele Raver auf Babyschnullern oder Lutschern kauten, um das unwillkürliche Zähneknirschen auszugleichen, das die Droge MDMA auslöst. Getragen wurden die Schnuller oft um den Hals, häufig an Ketten aus Kunststoffperlen.
- Der Christian Science Monitor berichtete im Jahr 2000 ganz ähnlich: Raver unter Ecstasy-Einfluss lutschten oft Schnuller oder Lollis, damit sich der Kiefer nicht verkrampft.
- Auch in Deutschland gehörte die Schnullerkette zum Bild: Die Berliner Zeitung zählte sie 2022 in einem augenzwinkernden Rückblick auf die Loveparade zu den „Horror-Styles“ – Kettenanhänger in Schnullerform, meist am Lederhalsband, ein Accessoire, das die Rave-Szene besonders prägte.
Mit Babyschnullern hatte das übrigens wenig zu tun: Die Party-Schnuller waren Schmuck und Szenesymbol. Für Babys gilt das Gegenteil – Schnullerketten nie um den Hals. Warum, steht im Ratgeber Schnullerkette sicher.
Und 2025? Schnuller für Erwachsene
Die Mode kommt wieder – diesmal ohne Party. 2025 berichteten internationale Medien über einen Trend in China: Gestresste Erwachsene greifen zu Schnullern in Erwachsenengröße, um Stress abzubauen oder besser zu schlafen. Euronews schrieb im September 2025, dass auf den Plattformen Taobao und JD.com die Angebote stark gestiegen seien und sich der Trend über Social Media verbreite. Fachleute sind skeptisch: Ein Zahnarzt aus Chengdu warnte vor Erstickungsgefahr und veränderter Zahnstellung bei stundenlangem Nuckeln, der französische Kieferorthopäden-Verband hält die angeblichen Vorteile für einen Placebo-Effekt.
Lange vor Hollywood: Wilhelm Busch und die Kunst
Der Schnuller war schon Bildmotiv, als es Filme noch gar nicht gab:
- Wilhelm Busch, der Vater von Max und Moritz, zeichnete eine Bildergeschichte mit dem Titel „Der Schnuller“. Sie erschien 1865 als Blatt Nr. 387 der Münchener Bilderbogen und handelt vom kleinen Willy, dessen Schnuller die Begierde zweier junger Hunde weckt. Man ahnt, wie das ausgeht.
- Mittelalterliche Kunst: Laut dem Apothekenportal aponet zeigt ein Altarbild aus dem 15. Jahrhundert in der Kirche St. Stephani in Aschersleben das Jesuskind mit einem Lutschbeutel, dem Vorläufer des Schnullers. Mehr zur Vorgeschichte im Ratgeber Geschichte des Schnullers.
Lizenzhelden auf dem Schild
Heute begegnet dir Popkultur direkt am Schnuller. Laut Wikipedia setzte NUK schon in den 1990er-Jahren auf Medienlizenzen, etwa mit dem Illustrator Janosch. Inzwischen tummeln sich Sesamstraßen-Figuren, Fußballvereine und Rockbands auf den Schildern. Für die Metal-Kids-Schnuller mit Bandmotiven gibt der Anbieter an, dass sie der EN 1400 entsprechen.
NUK Sesamstraße
Ernie mit Quietscheentchen, das Krümelmonster mit Keks – und als Bonus Donald Duck im Matrosenanzug.
AC/DC-Schnuller
Highway to Bett: Mit dem AC/DC-Logo auf dem Schild wird jedes Nickerchen zum Konzert.
Motörhead-Schnuller
Das Motörhead-Logo auf dem Schnuller – lauter kann ein Säugling nicht schweigen.
Real Madrid Silikon-Schnuller
Das Wappen der Königlichen auf einem einteiligen Silikonschnuller – Hala Madrid schon im Kinderwagen.
Und dann gibt es noch die Schnuller, die selbst Popkultur zitieren: Lippen à la Hollywood-Diva, Grillz wie im Hip-Hop-Video oder ein Detektiv-Schnurrbart. Mehr davon in den Rubriken Lippen-Schnuller und Bart-Schnuller. Fürs Foto ein Riesenspaß – aber nur kurz und unter Aufsicht. Zum Einschlafen nimmst du einen normgeprüften Beruhigungssauger.
LippenBilly-Bob Grillz
Goldene Zahnreihen mit Rautenmuster oben und unten – der Rapstar-Look, bevor der erste echte Zahn da ist.
LippenBilly-Bob Kiss me
Ein dicker roter Kussmund, ganz ohne Zähne – Schmollmund ohne Schmollen, Küsschen inklusive.
BartBilly-Bob Lil’ Sherlock
Gezwirbelter schwarzer Schnurrbart, rote Lippen, zwei Schneidezähne: Detektiv schon im ersten Lebensjahr – wenn auch mit Poirots Bart.
SprücheBilly-Bob Vegas Baby
Ein Schild voller 100-Dollar-Scheine, „Vegas Baby“ in Grün auf dem Ring – für kleine Highroller, die schon beim Pokerabend dabei sind.
Quellen
Wikipedia (englisch): Maggie Simpson; A Streetcar Named Marge · Wikipedia: Der Babynator; NUK (Marke); Schnuller · National Drug Intelligence Center (U.S. Department of Justice): Raves, Information Bulletin (2001) · Christian Science Monitor: Party-drug scene – 'E' trade spreads largely unchecked (01.05.2000) · Berliner Zeitung: Neue Loveparade in Berlin – das Comeback der Horror-Styles (09.07.2022) · Euronews: Why are pacifiers becoming a growing and viral trend among adults? (17.09.2025) · museum-digital Sachsen-Anhalt: Wilhelm Busch, Der Schnuller (Münchener Bilderbogen Nr. 387) · aponet: Was Sie noch nicht über Schnuller wissen (2012).
Häufige Fragen
Wer macht Maggie Simpsons Nuckelgeräusch?
Laut Wikipedia haben Simpsons-Erfinder Matt Groening und Gábor Csupó das Geräusch aufgenommen; die Serie nutzte Groenings Originalaufnahme mindestens bis 1998.
Warum trugen Raver in den 90ern Schnuller?
Als Szene-Accessoire und, laut US-Drogenbehörde NDIC und Presseberichten, weil sie damit das unwillkürliche Zähneknirschen nach MDMA-Konsum ausgleichen wollten. Getragen wurden sie oft an Ketten um den Hals.
Was bedeutet der Filmtitel „The Pacifier“?
„Pacifier“ heißt im amerikanischen Englisch sowohl Schnuller als auch Friedensstifter. Der Film mit Vin Diesel kam 2005 heraus und heißt auf Deutsch „Der Babynator“.



